01:00:00: Die fiskalische Schieflage Frankreichs
01:00:11: beunruhigt Anleger, was zuletzt zu
01:00:13: rekordhohen Risikoaufschlägen
01:00:15: für französische
01:00:16: Staatsanleihen geführt hat.
01:00:17: Droht eine neue Euro-Krise?
01:00:19: Wie reagieren die Märkte?
01:00:20: Und dann beginnt ja auch noch die
01:00:22: Berichtssaison, wie sie wohl ausfällt?
01:00:24: Fragen, die mir Uli Stephan von der
01:00:25: Deutschen Bank beantwortet.
01:00:27: Mein Name ist Jessica Schwarzer.
01:00:28: Damit herzlich willkommen
01:00:29: zu den Perspektiven to Go.
01:00:32: Uli, ist Frankreichs
01:00:33: Schuldenproblem eine neue Euro-Krise?
01:00:36: Nein, das glaube ich nicht,
01:00:37: Jessica. Frankreich ist sicherlich in der
01:00:39: Lage, das Problem in
01:00:41: den Griff zu kriegen.
01:00:42: Man muss es nur tun.
01:00:43: Auslöser waren aus meiner Sicht zum
01:00:46: einen, dass man das
01:00:48: Haushaltsdefizit für dieses Jahr
01:00:50: noch mal nach oben korrigiert hat.
01:00:51: Also das, was wahrscheinlich in diesem
01:00:53: Jahr an Schulden aufgenommen werden muss.
01:00:56: Damit steigen natürlich auch die
01:00:57: Gesamtschulden, auf der einen Seite. Und
01:00:59: dann eben der Beginn
01:01:01: des
01:01:01: Präsidentschaftswahlkampfs im nächsten Jahr.
01:01:03: Und da haben dann die Märkte
01:01:04: offensichtlich ein Stück weit
01:01:05: gezweifelt, dass die Kandidaten
01:01:08: die Kraft haben werden, hier wirklich
01:01:10: Einschnitte vornehmen zu können.
01:01:12: Im Haushaltsentwurf für das Jahr 2027
01:01:15: stand ja ein Defizit von fünf Prozent des
01:01:18: Bruttoinlandsproduktes.
01:01:20: Ist das viel?
01:01:21: Ja, die Maastricht-Kriterien sagen drei Prozent.
01:01:24: Und fünf ist dann natürlich
01:01:25: schon mal deutlich drüber.
01:01:27: Es ist immer die Frage bei Schulden, wie
01:01:28: man das Geld verwendet.
01:01:30: Und leider ist es so, dass in vielen
01:01:32: europäischen Ländern, auch in
01:01:33: Deutschland, ein Teil dieser
01:01:36: Möglichkeiten des Staates für Rente,
01:01:39: Pflege, Gesundheit
01:01:40: ausgegeben werden muss.
01:01:43: Und insofern ist es eben dringend
01:01:45: erforderlich, die Systeme
01:01:46: umzubauen, damit man wirklich
01:01:48: auch mehr in die
01:01:49: Zukunft investieren kann.
01:01:51: Das gilt dann eben auch für Frankreich.
01:01:53: Und insofern reden wir, vor allen Dingen
01:01:56: in Frankreich, über wahrscheinlich längere
01:01:59: Lebensarbeitszeiten.
01:02:00: Die Franzosen gehen mit 62 in die Rente.
01:02:04: Und da ist es wahrscheinlich angezeigt,
01:02:06: dass man zumindest in
01:02:07: den einen oder anderen
01:02:09: Berufen auch etwas
01:02:10: länger ausharren könnte.
01:02:11: Diese ganze Diskussion hat für einen
01:02:13: extremen Renditeanstieg an den
01:02:15: Anleihemärkten gesorgt.
01:02:18: Damit steigen dann natürlich die
01:02:20: Refinanzierungskosten Frankreichs.
01:02:24: Wie schlimm ist das Problem?
01:02:26: Und haben wir da vielleicht eine Spirale,
01:02:28: die langsam aber sicher
01:02:29: in Gang geraten könnte?
01:02:30: Ja, die Franzosen werden das irgendwann
01:02:32: durchbrechen müssen.
01:02:33: Es gab ja jetzt auch schon Vorschläge von
01:02:35: Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen
01:02:38: im kommenden Jahr, wie man
01:02:40: Einsparungen machen könnte.
01:02:42: Das sind sicherlich erst
01:02:43: ganz erste Ideen und Gedanken.
01:02:45: Aber an irgendeinem
01:02:46: Zeitpunkt muss man das tun.
01:02:48: Ich glaube nur, der Kapitalmarkt hat ja
01:02:49: tatsächlich auf das TPI-Programm der
01:02:51: Europäischen Zentralbank
01:02:53: geschielt.
01:02:54: Die Europäische Zentralbank hat diese
01:02:55: Maßnahme erfunden vor
01:02:59: einigen Jahren, weil sie gesagt
01:03:01: hat, wenn hier ungerechtfertigt gegen
01:03:03: Länder spekuliert wird,
01:03:05: wenn die Risikoaufschläge
01:03:06: gegenüber Bundesanleihen, die sind immer
01:03:08: die Benchmark, der
01:03:09: Maßstab, zu sehr auseinander
01:03:11: laufen, also die
01:03:12: Risikoaufschläge zu hoch werden,
01:03:14: und das ungerechtfertigt ist, dann würde
01:03:17: sozusagen die Geldpolitik
01:03:18: nicht richtig funktionieren.
01:03:20: Und insofern haben, glaube ich, die
01:03:23: Kapitalmärkte ein Stück weit darauf
01:03:25: spekuliert und tun das wahrscheinlich
01:03:27: immer noch, ob die Europäische
01:03:29: Zentralbank an irgendeinem Punkt
01:03:30: tatsächlich dieses Programm
01:03:32: mit Gang setzt.
01:03:33: Wie weit sind diese Risikoaufschläge
01:03:34: auseinander gelaufen
01:03:35: und wo stehen wir aktuell?
01:03:37: Ja, in der Spitze standen wir bei 160
01:03:39: Basispunkten, also 1,6 Prozentpunkten.
01:03:43: Mittlerweile sind wir in etwa bei 1,4,
01:03:46: schon ein Stück weit
01:03:46: wieder von der Spitze entfernt,
01:03:48: aber historisch lagen die Aufschläge eher
01:03:51: bei 20, vielleicht,
01:03:52: also 0,2 Prozentpunkten.
01:03:55: Dann waren sie zuletzt
01:03:56: lange bei in etwa 0,4.
01:03:59: Also 1,4 ist dann schon eine gravierende
01:04:02: Ausweitung, die eben,
01:04:05: nochmal, damit zu tun hat, dass
01:04:07: die Landkreis Schulden insgesamt
01:04:08: mittlerweile bei etwa 120 Prozent des
01:04:12: Bruttoinlandsprodukts
01:04:13: liegen und die Haushaltsdefizite, die
01:04:17: jährlichen, jenseits der fünf Prozent, was
01:04:21: weit über Maastricht
01:04:22: ist. Und deswegen verlangt der
01:04:24: Kapitalmarkt hier höhere
01:04:25: Risikoaufschläge zusätzlich
01:04:27: zu, möglicherweise, dieser Spekulation.
01:04:30: Wie gesagt, das ist natürlich nur eine
01:04:31: Vermutung von mir, dass man
01:04:33: hier auch auf dieses TPI-Programm
01:04:35: der Europäischen Zentralbahn guckt und
01:04:36: sich fragt beziehungsweise mal
01:04:39: guckt, ob sie dann irgendwann
01:04:40: dieses auslösen wird.
01:04:41: Wenn ich Renditen von um die fünf Prozent
01:04:43: höre, dann habe ich ja
01:04:45: gleich die Dollar- beziehungsweise
01:04:46: in diesem Fall die
01:04:46: Euro-Zeichen in den Augen.
01:04:48: Kann es Sinn machen, da jetzt
01:04:50: einzusteigen und zu sagen,
01:04:52: da mische ich mal ein bisschen
01:04:52: was bei, das Risiko ist begrenzt, weil ja
01:04:57: auch die Ratings
01:04:57: immer noch sehr, sehr gut
01:04:58: sind, oder würdest du sagen, Vorsicht, da
01:05:00: könnte noch eine
01:05:01: weitere Verkaufswelle folgen?
01:05:03: Kurzfristig sind so Dynamiken am
01:05:05: Kapitalmarkt natürlich
01:05:06: immer sehr schwer einzuschätzen.
01:05:08: Wie gesagt, wir sind jetzt schon ein
01:05:09: Stück weit
01:05:09: runtergekommen, aber wenn es da weitere
01:05:11: Meldungen gibt, können die 160 auch sehr
01:05:13: schnell wieder erreicht sein.
01:05:15: Dann reden wir sicherlich über
01:05:17: Kursverluste, weil ja dann
01:05:19: die Zinsen zumindest relativ
01:05:22: zu Bunds weiter gestiegen sind.
01:05:23: Ich glaube aber, dass das Niveau um fünf
01:05:25: Prozent schon mittelfristig
01:05:28: attraktiv ist, wie gesagt,
01:05:29: ich glaube, dass Frankreich weiß, was die
01:05:32: Stellschrauben sind,
01:05:33: sie auch drehen kann.
01:05:34: Die Frage ist, ob man das dann politisch
01:05:36: durchsetzen kann, ob es
01:05:38: klare Mehrheiten gibt dann im
01:05:41: nächsten Jahr und wie
01:05:42: man damit umgehen will.
01:05:43: Also das ist eben eine Unsicherheit, die
01:05:46: im Moment über dem
01:05:46: Kapitalmarkt schwebt und
01:05:48: insofern, wer da auf der sicheren Seite
01:05:50: sein möchte, und gerade
01:05:51: Staatsanleihen werden ja
01:05:53: meistens aus diesem Grunde gekauft,
01:05:55: der sollte vielleicht noch diese Wahlen
01:05:57: oder die nächste
01:05:58: Entwicklung in Richtung dieser
01:05:59: Wahlen abwarten.
01:06:00: Höhere Finanzierungskosten, das ist ja
01:06:02: ein Problem, das im
01:06:03: Grunde fast alle Staaten der
01:06:05: Eurozone im Augenblick haben.
01:06:06: Es ging ja los in den USA, wo die
01:06:08: US-Treasuries auf einmal so durch die
01:06:10: Decke gingen beziehungsweise die
01:06:11: Kurse natürlich fielen, aber die Rendite
01:06:13: der US-Treasuries durch die Decke ging.
01:06:15: Das ist schon für den einen oder anderen
01:06:17: Haushalt dann eine
01:06:18: deutliche Belastung, oder?
01:06:20: Ja, gar keine Frage.
01:06:21: Also da sprichst du einen wichtigen Punkt
01:06:23: an, Jessica, es sind eben
01:06:24: nicht nur die Risikoaufschläge,
01:06:25: sondern insgesamt das
01:06:26: Zinsniveau ist nach oben tendiert.
01:06:29: Also, auch bei Bundesanleihen reden wir
01:06:30: mittlerweile von etwa
01:06:31: dreieinhalb Prozent.
01:06:33: Da waren wir vor einigen Monaten noch um
01:06:36: die zweieinhalb Prozent.
01:06:37: Also auch da ist der Zins insgesamt einen
01:06:40: Prozentpunkt gestiegen
01:06:42: und zusätzlich sind dann
01:06:43: eben nochmal die Risikoaufschläge in
01:06:45: Frankreich deutlich.
01:06:47: Ja, wenn der Zins so steigt, dann
01:06:49: nehmen natürlich die
01:06:50: Finanzierungskosten deutlich
01:06:52: zu. Das wird dann Auswirkungen haben,
01:06:55: dass man ansonsten in
01:06:57: seinem Budget weniger beweglich
01:06:58: ist, weil eben größere Teile für den
01:07:01: Kapitaldienst geleistet
01:07:03: werden müssen und insofern wünschen
01:07:05: sich natürlich Staaten da eher ein
01:07:08: niedrigeres Zinsniveau.
01:07:10: Aber nochmal, sie haben es am Ende in
01:07:11: ihrer eigenen Hand. Mit
01:07:13: einer klugen Wirtschaftspolitik
01:07:15: kann man sicherlich auch Vertrauen der
01:07:17: Märkte zurückgewinnen.
01:07:18: Wir hatten ja, Jessica, vor einigen Wochen
01:07:20: hier auch über
01:07:21: Griechenland gesprochen und haben
01:07:23: festgestellt, wie sehr doch da die
01:07:26: Risikoaufschläge wieder zurückgelaufen
01:07:28: sind, weil Griechenland
01:07:29: eben eine kluge
01:07:31: Wirtschaftspolitik durchgeführt hat.
01:07:33: Aber irgendwie erinnert man sich
01:07:35: trotzdem mit diesen
01:07:36: steigenden Aufschlägen so ein
01:07:37: bisschen an die Euro-Krise, auch wenn du
01:07:39: sagst, du siehst da keine Anzeichen.
01:07:42: Damals gab es ja Probleme mit den
01:07:44: Finanzierungen, weil eben auch das
01:07:45: Kapital ins Ausland abgeflossen
01:07:47: ist, raus aus der Eurozone.
01:07:49: Das sehen wir aber heute, glaube ich,
01:07:51: nicht an breiter Front,
01:07:52: sondern nur vielleicht
01:07:53: mal punktuell, zeitlich begrenzt, oder?
01:07:56: Ja, die Aufschläge waren seinerzeit
01:07:58: sicherlich nochmal deutlich
01:07:59: höher und wie du ja richtig
01:08:00: sagst, die Investoren haben gesagt, nein,
01:08:03: wir finanzieren das
01:08:03: schlichtweg nicht mehr.
01:08:05: Also für die Zuhörer, wenn ein Staat
01:08:07: Anleihen aufnimmt, muss
01:08:08: ihm ja irgendwer das Geld
01:08:09: leihen.
01:08:10: Das sind typischerweise dann große
01:08:12: Kapitalsammelstellen, Stiftungen,
01:08:14: Pensionsfonds etcetera, die in Bonds
01:08:18: investieren und dann natürlich auch eine
01:08:19: sichere Anlage wollen.
01:08:20: Und diese haben entweder ins Ausland oder
01:08:23: eben in Bundesanleihen umgeschichtet.
01:08:25: Deswegen ist es so nötig, dass wir einen
01:08:27: gemeinschaftlichen Kapitalmarkt in Europa
01:08:29: bekommen, damit diese
01:08:31: Verwerfungen zwischen den einzelnen Ländern
01:08:33: dann nicht mehr in der
01:08:34: Weise vorhanden sind.
01:08:36: Nochmal, insgesamt sind wir davon noch ein
01:08:38: ganzes Stück entfernt.
01:08:40: Wir reden jetzt über die Probleme, die
01:08:41: ich vorhin genannt habe.
01:08:43: Und natürlich kann das am Ende eine, wie
01:08:46: sagt man so schön,
01:08:47: Self-fulfilling Prophecy sein,
01:08:49: also sich selbst erfüllende Erwartungen, wenn
01:08:51: hier die Spekulation
01:08:52: immer weitergeht, aber dann
01:08:54: gibt es ja, wie gesagt, dieses Programm
01:08:56: der Europäischen Zentralbank.
01:08:58: Im Zweifelsfall wird auch die Europäische
01:09:00: Kommission sich noch
01:09:01: Maßnahmen einfallen lassen.
01:09:03: Also, dass Frankreich jetzt unmittelbar
01:09:06: davorsteht, dass
01:09:07: Investoren kein Geld mehr geben,
01:09:09: das kann ich nicht sehen, sondern im
01:09:11: Gegenteil, es scheint ja so zu sein,
01:09:13: deswegen sind die Spreads ja ein Stück
01:09:14: wieder zusammengelaufen, dass hier
01:09:16: Investoren zugegriffen haben,
01:09:18: weil sie eben gesagt haben, an der Stelle
01:09:20: sind wir im Moment zumindest noch nicht.
01:09:22: Und ich glaube, wenn man sich die ganze
01:09:23: Eurozone anschaut, ist die
01:09:25: Lage auch eine ganz andere.
01:09:26: Also, wir hatten ja zum Beispiel in
01:09:27: Irland, Spanien, Portugal,
01:09:29: Italien 2007 starke Defizite.
01:09:32: Und jetzt haben diese Länder
01:09:34: Leistungsbilanzüberschüsse.
01:09:35: Also wir stehen, glaube ich, auch
01:09:36: wirtschaftlich völlig
01:09:37: anders da als damals.
01:09:39: Ja, das ist richtig.
01:09:40: Und viel Finanzierung ging
01:09:41: dann auch über die Banken.
01:09:43: Auch die stehen heute
01:09:43: natürlich völlig anders da.
01:09:45: Also, ich wäre vorsichtig damit.
01:09:47: Natürlich muss man die
01:09:48: Situation sehr genau beobachten.
01:09:49: Das will ich gar nicht in Abrede stellen.
01:09:51: Natürlich muss man hier
01:09:53: wirtschaftspolitisch
01:09:53: auch darauf reagieren.
01:09:56: Man sollte mehr in Zukunft investieren
01:09:58: als Staat und damit die
01:10:00: Wachstumsmöglichkeiten
01:10:01: insgesamt nach oben bringen.
01:10:03: Aber dass wir hier jetzt unmittelbar vor
01:10:05: einer Euro-Staatsschuldenkrise stehen,
01:10:08: das würde ich dann doch
01:10:10: für etwas zu viel halten.
01:10:11: Wunderbar.
01:10:12: Gute Botschaft an alle, die
01:10:13: ein bisschen besorgt sind,
01:10:14: weil, es gab schon eine Menge Schlagzeilen
01:10:16: und auch Newsletter, wo da wirklich ein
01:10:19: bisschen Panik gemacht wurde.
01:10:20: Schauen wir in die USA.
01:10:23: Da haben wir ja schon viel in letzter
01:10:24: Zeit über den Anleihemarkt gesprochen.
01:10:26: Das lassen wir jetzt mal weg, es sei denn,
01:10:27:
01:10:29: schauen wir uns aber mal an, was in den
01:10:31: nächsten Tagen los ist und Wochen.
01:10:33: Und das ist nämlich die Berichtssaison für
01:10:34: das dritte Quartal, die jetzt beginnt.
01:10:37: Wie sehen da die Erwartungen aus?
01:10:39: Ja, noch ein Wort vielleicht zu den
01:10:41: Zinsen, die natürlich auch in den USA,
01:10:44: du hattest das ja schon angesprochen,
01:10:45: das war im Grunde der allererste
01:10:47: Ausgangspunkt, auch da mit Blick auf die
01:10:49: Staatsschulden, auf das Haushaltsdefizit.
01:10:52: Und die Zinsen sind, das darf man eben
01:10:54: nicht vergessen, auch immer ein wichtiger
01:10:55: Faktor für den Aktienmarkt.
01:10:57: Wir haben lange über TINA geredet,
01:10:59: There Is No Alternative,
01:11:00: also, es gibt keine Alternative zu Aktien,
01:11:02: weil auf der Bond-Seite
01:11:04: keine Zinsen gezahlt wurden.
01:11:05: Mittlerweile ist das wieder anders.
01:11:07: In den USA sind wir also
01:11:09: ein ganzes Stück über fünf,
01:11:10: in Frankreich, Italien
01:11:11: sind wir knapp bei den fünf,
01:11:13: in Deutschland sind wir bei 3,5 Prozent.
01:11:15: Also, es gibt wieder Zinsen.
01:11:17: Das ist die eine Botschaft.
01:11:18: Die zweite Botschaft ist, dass die
01:11:20: zukünftigen erwarteten Gewinne am
01:11:22: Aktienmarkt abgezinst werden müssen
01:11:25: auf den heutigen Tag, um einen
01:11:27: Gegenwartswert zu errechnen.
01:11:29: Dazu brauche ich eben auch einen Zins.
01:11:30: Und je höher der Zins ist, desto
01:11:31: niedriger ist der Gegenwartswert.
01:11:33: So, das heißt, ich habe
01:11:35: also hier zwei Komponenten.
01:11:36: Das eine ist der Zins, der tendenziell
01:11:38: die Bewertungen von
01:11:39: Aktien nach unten treibt.
01:11:41: Und ich habe auf der anderen Seite die
01:11:42: von dir angesprochene Berichtssaison,
01:11:45: wo im Moment in den Vereinigten Staaten
01:11:47: über 30 Prozent Gewinnplus für dieses
01:11:50: dritte Quartal im Vergleich zum dritten
01:11:53: Quartal 2025 erwartet werden.
01:11:55: Also noch so ein Knaller-Quartal, wie wir
01:11:57: es im letzten Quartal schon erlebt haben.
01:11:59: Genau, im letzten Quartal waren wir über
01:12:01: 50 dann am Ende rausgelaufen.
01:12:03: Typischerweise übertreffen ja auch die
01:12:05: amerikanischen
01:12:06: Unternehmen die Erwartungen.
01:12:08: Ich glaube, das ist auch notwendig, wenn
01:12:11: ich vor allen Dingen einen Blick in die
01:12:12: Künstliche Intelligenz werfe.
01:12:15: Also, hier sind die
01:12:16: Erwartungen schon recht ordentlich.
01:12:18: Und wenn sie enttäuscht werden, dann
01:12:19: würde ich da auch
01:12:20: heftige Volatilitäten erwarten.
01:12:22: Aber die Analysten haben zuletzt sogar
01:12:24: ihre Schätzungen
01:12:25: weiter nach oben korrigiert,
01:12:27: das ist durchaus bemerkenswert.
01:12:29: Und insofern werden wir, nach knapp 55
01:12:32: Prozent im zweiten Quartal auf das zweite
01:12:34: Quartal 2025, in diesem Jahr also
01:12:38: momentan über 30 Prozent sehen.
01:12:40: Mal gucken, wohin es
01:12:42: denn am Ende dann führt.
01:12:43: Der Auftakt zumindest ist
01:12:45: aus meiner Sicht gelungen,
01:12:47: wenngleich der offizielle Start jetzt ja
01:12:51: unmittelbar bevorsteht.
01:12:53: Solche Renditen und Aufschläge hätte ich
01:12:54: auch gerne mal in meinem Depot.
01:12:56: Schade, dass die Börse das
01:12:57: nicht eins zu eins umsetzt.
01:12:58: Aber es wird ein sensationelles Quartal,
01:13:00: eine sehr gute Berichtssaison werden.
01:13:02: Davon können wir ausgehen.
01:13:04: Welche Branchen sind es,
01:13:05: wo liegt die Latte besonders hoch,
01:13:07: wo wird sie vielleicht gerissen?
01:13:09: Ja, die großen Treiber sind natürlich so,
01:13:11: wie das schon in den
01:13:12: letzten Quartalen gewesen ist,
01:13:14: auf der einen Seite die Energie.
01:13:16: Hier sehen wir,
01:13:16: der Grund liegt, glaube ich, auf der Hand,
01:13:19: aufgrund der enormen
01:13:20: Energiepreiszuwächse
01:13:22: entsprechende Gewinne.
01:13:23: Erwartet wird hier für das dritte Quartal
01:13:26: bei der Energie in den Vereinigten
01:13:27: Staaten 115 Prozent Gewinnplus.
01:13:30: Wahnsinn.
01:13:30: Dann kommt die Technologie mit knapp 70
01:13:32: Prozent, Communication Services,
01:13:35: das sind also die Internetkonzerne und
01:13:38: Streamingdienste und so weiter
01:13:40: und so fort, bei 50 Prozent.
01:13:42: Wenn man dann nach unten guckt, dann
01:13:44: sind es eben Consumer Staples, Consumer
01:13:46: Discretionary, also die Konsumwerte.
01:13:48: In Amerika ist das Leben teurer.
01:13:50: Die Inflation spielt jetzt DIE große
01:13:52: Rolle laut Umfragen bei
01:13:54: den Midterm Elections.
01:13:56: Insofern drückt das
01:13:57: natürlich auf den Konsum.
01:13:59: Die Immobilienunternehmen profitieren
01:14:01: auch nicht wirklich von den
01:14:03: gestiegenen höheren Zinsen.
01:14:05: Und insofern sind es wieder die üblichen
01:14:07: Verdächtigen, die wahrscheinlich die
01:14:09: Börse hier treiben werden.
01:14:10: Noch eine Zahl vielleicht bei den
01:14:13: Semiconductors wird nach 158 Prozent im
01:14:18: zweiten Quartal
01:14:19: diesmal 136 Prozent erwartet,
01:14:23: Gewinnplus.
01:14:25: Also, das sind die ganzen Chip-
01:14:26: Hersteller, die wir ja bekanntlich zur
01:14:28: Infrastruktur der
01:14:30: Künstlichen Intelligenz rechnen.
01:14:31: Aber ist das noch gesund?
01:14:32: Das sind ja gigantische Zahlen.
01:14:34: Das kann ja nicht immer so weitergehen.
01:14:35: Wo kommt dieses Wachstum her?
01:14:37: Ja, deswegen, Jessica,
01:14:38: bewertet die Börse auch viele
01:14:40: dieser Unternehmen relativ preiswert.
01:14:42: Also, wir sehen ja insgesamt an der Börse,
01:14:45: dass die Gewinne stärker steigen als die
01:14:47: Kurse und somit die
01:14:48: Bewertungen nach unten gehen.
01:14:49: Ganz besonders ausgeprägt ist das aber
01:14:51: bei den Semiconductor-Unternehmen.
01:14:54: Weil man auf der einen Seite sagt, naja,
01:14:56: die Dynamik bei der
01:14:57: Nachfrage könnte nachlassen.
01:14:59: Stichwort, wann haben wir eigentlich
01:15:00: genug Rechenzentren und wann werden die
01:15:03: denn in ausreichender Art und Weise von
01:15:05: den Unternehmen auch gebucht werden?
01:15:07: Und es gibt eben Sorgen auf der
01:15:10: Angebotsseite, wo man sagt, dass, naja,
01:15:14: wenn die Semiconductor-Unternehmen den
01:15:17: gleichen Fehler machen,
01:15:18: den sie in den letzten 20 Jahren schon
01:15:19: vier, fünf Mal gemacht haben, nämlich
01:15:21: stark in Kapazitätsausweitungen
01:15:23: investieren, und der Zyklus zu Ende geht,
01:15:26: dann haben sie wieder
01:15:27: hohe Abschreibungen.
01:15:28: Und aufgrund dieser beiden Faktoren ist
01:15:30: es eben tatsächlich so, dass die
01:15:31: Unternehmen nicht
01:15:32: sehr hoch bewertet sind,
01:15:34: die Börse da eben einiges an Fragezeichen
01:15:37: dran macht. Und ja, aber noch mal,
01:15:39: bisher sprudeln die
01:15:40: Unternehmensgewinne und von daher wird
01:15:42: das spannend zu beobachten sein,
01:15:45: wie auch diese Unternehmen sich in der
01:15:47: kommenden
01:15:48: Berichtssaison dann schlagen werden.
01:15:49: Und wie wird es wohl in Europa laufen?
01:15:51: Die Gewinne sollen gegenüber dem
01:15:52: Vorjahresquartal ja um 20,
01:15:54: knapp 20 Prozent steigen.
01:15:56: Habe ich zumindest in deinem täglichen
01:15:57: Newsletter
01:15:58: Perspektiven am Morgen gelesen?
01:16:00: Ja, genau.
01:16:00: Da sind wir mittlerweile tatsächlich über
01:16:02: 20 Prozent, also auch hier ist gleiches
01:16:04: Spiel auf etwas niedrigerem Niveau,
01:16:05: weil wir nicht so viel Technologie haben.
01:16:07: Aber auch die Energie ist natürlich ganz
01:16:09: weit hier vorne, gleiches Thema.
01:16:12: Und auch die Analysten nehmen insgesamt
01:16:14: die Erwartungen nach oben.
01:16:16: Also insofern ein ähnliches Bild. Ganz am
01:16:19: Ende in Europa liegen
01:16:21: dann die Immobilienkonzerne.
01:16:23: Auch das liegt wahrscheinlich
01:16:24: ein Stück weit auf der Hand.
01:16:26: Letzte Frage. Glaubst du, nachdem die
01:16:28: Zinsentwicklung zuletzt die
01:16:30: Marktdiskussion bestimmt hat,
01:16:32: dass nun die überzeugende Berichtssaison,
01:16:34: die vielen Unternehmenszahlen, den Fokus
01:16:37: wieder ein bisschen mehr auf die
01:16:38: Fundamentaldaten lenken könnten?
01:16:40: Ja, ich würde jetzt den Zins, wie ich das
01:16:42: vorhin schon gesagt habe, schon als
01:16:43: Fundamentaldaten bezeichnen.
01:16:46: Aber du hast recht, die Berichtssaison
01:16:48: wird hier nochmal neue Impulse bringen.
01:16:50: Aber nochmal, die
01:16:51: Erwartungen sind sehr hoch.
01:16:53: Und aus meiner Sicht müssen die
01:16:54: Erwartungen, und auch dafür haben wir
01:16:57: jetzt schon Beispiele sozusagen in der
01:16:59: anlaufenden Berichtssaison,
01:17:01: die Erwartungen müssen nicht nur
01:17:02: getroffen, sie müssen übertroffen werden.
01:17:04: Und das ist dann noch nicht einmal ein
01:17:06: Signal dafür, dass die Börsenkurse sich
01:17:08: wirklich positiv entwickeln.
01:17:10: Also wer da enttäuscht, und deswegen
01:17:12: glaube ich, dass die Börse sehr selektiv
01:17:15: mit den Unternehmen umgeht,
01:17:17: wer enttäuscht, der muss wahrscheinlich
01:17:19: doch mit recht deutlichen
01:17:21: Abschlägen dann auch rechnen.
01:17:23: Insofern wird das eine ausgesprochen
01:17:25: spannende Berichtssaison,
01:17:26: die wir hier vor uns haben.
01:17:27: Und wir bleiben dran und werden uns ganz
01:17:30: sicher nicht langweilen.
01:17:31: Vielen lieben Dank für diese
01:17:32: Perspektiven To Go.
01:17:33: Sehr gerne.